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Ostkreuz (2001 Peter Segler Verlag)
... Es sah nicht gut aus. Knud kam direkt vom Pankefest. Ein jährliches Straßenfest. Den Hauptteil bildeten Stände von Künstlern des Bezirkes Pankow. Nur mit besonderer Genehmigung war es möglich, hier seine Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Oft waren Künstler gebrochene Menschen. Wir kannten die Schicksale. Gerade deren Stände waren umlagert. Das wunderte Situierte. Trakia Wendischs Vater bemalte kleine Steinchen mit bunten Augen. War das Kunst? Die zahlreichen Käufer verstanden es als Aussage. In seiner Wohnung hatte er hinter dem Sofa seine wirklichen Arbeiten verborgen. Ich sah ein Ölgemälde: Eine Kompanie Soldaten marschierte stramm über ein auf dem Pflaster liegendes, weißgekleidetes Mädchen. Die Uniformen erkannte ich. Mc Ellerts Vater war einst der bedeutendste Grafiker des Landes. Bekannt wurde seine Symbolik der Wochenschau. Sich drehende Kameraobjektive. Diese Vorschau wurde in jedem Kino wöchentlich erneuert und zeigte Berichte aus aller Welt. Dann nicht mehr. Der Mann malte nun in bunten Farben Spiegeleier. Sein Freund Wandelt lief als Porträtfotograf herum. Zuhause standen in geheimer Galerie die Köpfe der Regierenden. Geformt aus dem Matsch der eingeweichten Staatszeitung. Mit Knud waren weitere Freunde erschienen. Ihnen stand der Schrecken in den Gesichtern. Knud erzählte, was auf dem Pankefest ablief: Wir stehen da herum. Plötzlich Geschrei, Gerenne. Zwischen die erlaubten Künstlerstände hatte Dagmar Dimitroff eine Tapezierplatte aufgebaut. Sie stellte eigene Bilder aus und begann zu verkaufen. Plötzlich stürmten von allen Seiten Zivile herbei. Wer dazwischenging, wurde geschlagen. Sie hatten alle Herrenknirpse. Dagmar wurde zu Boden geprügelt. Sie schrie und wehrte sich. Ihre Platte wurde umgestoßen, die Bilder fielen in den Dreck. Die Bullen latschten absichtlich darauf herum. Niemand kam durch, um helfen zu können. Sie wurde immer weiter geschlagen und getreten. An den Haaren wurde sie in den Funkwagen geschleift. Es sind Bestien. Sie hat nichts getan. Vorige Woche war ich auf ihrem Geburtstag. Sie wurde sechzehn. Verdammte Scheiße. Es sah aus, als würden sie jetzt alle holen. So ein Mist. Wäre es nicht besser gewesen, Ihr hättet Euch verteilt? fragte ich. Nee, meinte Brigitte, Barbara arbeitet doch richtig. Da ist ihre Wohnung wohl noch nicht unter Beobachtung. Außerdem war es Zufall, daß wir uns getroffen haben. Mittlerweile war die aus Küche und Stube bestehende Wohnung überfüllt. Es herrschte gedrückte Stimmung. Anscheinend waren noch mehr Leute verhaftet worden. Dicht gedrängt standen wir, miteinander redend. In der Enge konnte nicht vom Flur ins Zimmer gewechselt werden. Aufmachen! Polizei! klopfte es an die Tür. Wir erstarrten. Die zunächst Stehenden atmeten durch und öffneten. Drei Polizisten: Wer ist der Wohnungsinhaber? Hier, sagte Uli, sich mühsam durch die Menge schiebend. Es liegt eine Anzeige wegen Ruhestörung vor. Wieviel Personen sind anwesend? Ja, äh, wir sind hier alle in den Flur gekommen. So, das geht ja. Jetzt sein Sie aber leiser! Sonst sind wir auf der Stelle zurück. Die Bürger benötigen ihre Nachtruhe. Tür zu. Bulle tot. Wir atmeten auf. Es wäre nicht gut gewesen, hier gemeinsam kontrolliert zu werden. Auf einen Schlag hätten die Bullen verschiedene Verbindungen präsentiert bekommen. Aber Uli war eben ein ausgeschlafener Typ. Folgendes war passiert: Aus dem Zimmerfenster hatte jemand laut röhrend in den Hof gekotzt. Uli schnappte sich Lappen und Eimer, dazu einen Rosenstrauß, den Barbara geschenkt bekommen hatte. Er ging los und klingelte bei den unteren Mietern. Mit vorgehaltener Rose bat er darum, das jeweilige Fensterbrett säubern zu dürfen. Das hatten die Nachbarn noch nicht erlebt. Für den Rest der Nacht hatten wir Ruhe. Nach und nach gingen die meisten. Carlo packte mich: Woher hast Du mein Hemd? Äh, was willst Du denn? Das Hemd? Ach so, das hat mir Sue geschenkt. Aber mir fällt gerade auf, daß ich mal so'n rotkariertes im Schrank hatte, wie Du es gerade trägst. Darf ich mal den Nippel sehn? Ich guckte nach. Tatsächlich Made in Canada. So ein Hemd gab es nicht zu kaufen. Meine Tante hatte es geschickt. Aber Sue war in diesen Dingen nicht zimperlich. Sie zog immer die Sachen ihres jeweiligen Freundes an. So kam dann einiges durcheinander [...]