Die Liebe  zurück

Die Liebe hat ein Engagement im Ballett.Das Theater befindet sich zwischen Bahnhof und Rathaus.Weit sind die Entfernungen nicht.Die Stadt ist Mittelpunkt einer unbedeutenden Provinz.Das Gebäude ist alt.Renovierungsversuche sind aus finanziellen Gründen längst aufgegeben worden.Hier und da zeigt sich durch herabgefallenen Putz der Fassade die einstige Pracht. Es wird das mittelmäßige Stück eines unbekannten,jungen Autors gegeben.Die Bühne ist herzförmig gestaltet.Getanzt wird mit Masken.Antike Anspielungen sind nicht zu übersehen.Die LIEBE trägt ein schwarz-weißes Kostüm.Ein Domino?Ein Pierrot?Das bleibt auch innerhalb der Szenerie unklar.Ein ernstzunehmender Kritiker hätte Begriffe wie "Kitsch" oder "Sentimentalitäten" verwendet.Doch niemand interessierte sich für diese Aufführung.Gerade leidlich sind die Vorstellungen besucht.Zahlende Besucher werden mit Bussen aus dem Umland herbeigebracht.Da in dieser Gegend nichts geschieht, läßt sich für einen Abend diese scheinbare Abwechslung ertragen. Die LIEBE ist jung.Zart ist der Körper gebaut.Mit diesem Auftritt ist eine erste Chance verbunden,sich künstlerisch zu profilieren. Während der siebenten Vorstellung wird ihr schwindlig.Sie wankt zwischen die Soffitten.Niemand bemerkt das Fehlen der schwarz-weißen Figur.Der ekstatische Tanz der Masken wird nicht unterbrochen.Aufregend zucken Licht blitze zum musikalischen Rhythmus. Hinter der Bühne taumelt die LIEBE den Gang entlang.Abgedunkelte Lämpchen erhellen notdürftig die gelblichen, bröckelnden Wände.Die Finger ertasten längs und quer verlaufende Kabelstränge.Manchmal gibt es ein Bündel von in Eile angehängten Kostümen. Die LIEBE zieht sich am Eisengeländer einer Wendeltreppe empor.Hoch möchte sie.In die frische Luft.Hinaus aus stickigem Bühnenstaub.Sie schiebt sich durch Haken, Seile, Ösen, durch das verwirrende Gestänge der Obermaschinerie.Manchmal geht sie in die Knie, um nicht irgendwo gegen zu stoßen.Endlich ist der ungenutzte Dachraum erreicht.Sehr still ist es hier.Es entsteht der Eindruck, Höhe hören zu können. Selten findet jemand herauf.Eilig abgelegte Bücher,Hefte, Papiere liegen und stehen in schiefen Holzregalen.Zum Teil bereits von historischem Alter.Partituren, Textkladden, Stücke.Werke von überwiegend längst vergessenen Dichtern.Ein Dachfenster läßt sich nach außen öffnen, geformt wie ein schläfrig blickendes Auge.Erschreckt schwirren Tauben ziellos umher.Unten werden die schmalen, stillen Straßen vom schwachen Laternenlicht bestrahlt.Fern am Horizont ist das rötliche Glimmen der untergegangenen Abendsonne zu erahnen. Die LIEBE späht hinaus.Auf den Kostümärmeln hinterläßt der Schmutz des Fensterrahmens dunkle Streifen.Langsam schwindet die Übelkeit.Die Hände zittern nicht mehr.Der Schwindel legt sich.Die Lippen verlieren die Trockenheit. Es muß eine Veränderung herbeigeführt werden! Die LIEBE kann und will nicht ohne Sinn und Ziel tanzen.Abend für Abend.Für Menschen, die nichts verstehen.Die nichts verstehen wollen.Für Menschen, die Augen verschiedenster Farben haben und doch nichts sehen.Deren Herzen gegen Steine getauscht wurden. Deren Gefühle mit Zahlen benannt werden. Leben sie?Ist das Leben?Mit einem kleinen Satz springt die LIEBE vom Fenstertritt auf den Boden.Den Kopf in den Nacken gelegt, betrachtet sie den klaren Sternenhimmel.Ja, sie wird handeln.Noch ist nichts bedacht und schon befindet sie sich in der Untermaschinerie.Durch die Ritzen der Versenkung dringt Licht.Dumpfes Poltern der Tanzenden übertragen die Bühnenbretter als dröhnenden Herzschlag.Die LIEBE eilt weiter.Einige Flure sind gänzlich unbeleuchtet.Es riecht nach Farbe.Unterm schwachen Schimmern eines Garderobenlämpchens sind halbausgelaufene Farbbüchsen zu erkennen.Daneben hängt schief an einer gelockerten Eisenschiene ein Feuerlöscher.Das Rot des Behälters wirkt eher beruhigend als warnend.Die LIEBE wirft sich einen vergessenen Umhang über.Noch am Geruch ist zu merken, daß er für den "Freischütz" verwendet wurde.Es riecht nach Verbranntem, nach Zündholz, nach Schwefel.Der Darsteller, der diesen Mantel trug, goß die silberne Kugel um Mitternacht.Bei Vollmond.Für den tödlichen Schuß ins Herz des Werwolfes. Die LIEBE schlägt den Kragen hoch.Im Laufen schließt sie sorgfältig jeden Knopf.Sie gelangt zum unteren Notausgang.Hier sitzt kein Pförtner.Nur von innen läßt sich die Tür öffnen.Hinaus in eine nachtfinstere Seitengasse. Die LIEBE eilt zum Bahnhof.Sie erreicht den letzten Zug, der heute abend die Stadt verläßt. Im Abteil ist es kalt.Zum Gang hin sind die Vorhänge zugezogen. Lichter gleiten draußen vorbei.Schneller werdend, nähert sich der Zug seiner Fahrtgeschwindigkeit.Morgen wird eine andere Stadt erreicht sein.Dort wird es mehrere Theaterhäuser geben.Immer wieder findet sich ein Engagement.In die Ecke gekauert, schläft die LIEBE ein.